Depression ist wie ein Schatten – Lisa* HER STORY

Depression HER STORY
Lisa* schlitterte schon als junges Mädchen in die Depression, eine potenziell tödliche Krankheit. Sie schildert was in ihr vorgeht, über den schlechten Ruf der Depression und darüber, wie sie erfahren hat, dass „die Zeit heilt alle Wunden“ keine Floskel ist. Wir haben sie unbeschwert mit einem Flamingo abgebildet: Der krasse Kontrast zum Schatten, der sie zwar teils immer noch begleitet, von dem sie sich nicht mehr unterkriegen lässt.

Depression ist auch heute noch ein großes Tabuthema – fatalerweise! In unserer Gesellschaft muss offener über Depressionen gesprochen werden, damit Betroffene und ihr Umfeld der Krankheit gemeinsam begegnen. Im Interview erzählt Lisa*, wieso wir ihren Namen abändern sollten und wie sie diese Krankheit überlisten kann:

Lisa*: Depression ist wie ein Schatten. Die Sonne ist für einen Augenblick nicht zu sehen und dir wird kälter, obwohl es angenehme 25 Grad sein sollten. Jeder Mensch kennt das Gefühl, man fühlt sich mies, ohne jeden Grund. Normalerweise ist das kein Problem. Das Leben verläuft in Wellen, und auch wenn wir grade noch betrübt waren, kann das Morgen schon wieder ganz anders aussehen. Außer, der Schatten verzieht sich eben nicht. Bleibt über mehrere Wochen. Wenn man großes Pech hat Monate, und in den ganz harten Fällen, Jahre. Der Schatten traf mich zum ersten Mal, als ich ungefähr 15 oder 16 Jahre alt war. Allerdings wäre niemand, und ich als letzte, darauf gekommen, dass ich eine Depression haben könnte. Das ganze blieb also unbehandelt, kam und ging, und ich dachte das wäre eben Ich. Mir taten Rückschläge viel mehr weh als den anderen in meinem Alter, ich reagierte unverhältnismäßig emotional auf Kleinigkeiten.  Das tat ich mit der Pubertät ab, verstand aber nicht ganz, warum es meinen Freunden nicht genauso ging.

Ich schlitterte allmählich tiefer in diese Depression, die ich als junges Mädchen jedoch einfach nicht erkennen konnte. Ich suchte Bestätigung und Liebe bei anderen jungen Männern, die aber weder meine Angst noch mein kaputtes Selbstbewusstsein reparieren konnten. Als ich nach meinem Abitur meine Heimat verließ um Flugbegleiterin zu werden, trieb mich der Beruf nur noch mehr in meine innere Verzweiflung. Ich bediente lächelnd fremde Menschen, die mich als Saftschubse von oben herab behandelten, versuchte der Mensch zu sein, den die anderen sehen wollten, und sah mich doch selber nicht. Das ging nicht lange gut. Mit 21 schließlich war ich psychisch so ausgelaugt, konnte mir und dem Leben nichts mehr abgewinnen, und wünschte mir nichts sehnlicher als eben dieses Leben einfach beenden zu können. Ich wollte nicht mehr existieren um den täglichen Schmerz meines Seins nicht mehr ertragen zu müssen. Wenn ich morgens aufstand begann mein Tag mit Tränen, und jeder Abend endete mit eben diesen. Ich saß stundenlang auf dem Sofa, starrte die Wand an, versuchte die Kraft zu finden aufzustehen und mir die Zähne zu putzen. Ich konnte nicht mehr kochen, denn mich umgab eine Ohnmacht die es mir unmöglich machte danach abzuspülen und aufzuräumen.

Es war als trug ich eine dunkle Wolke mit mir rum, aus der es unaufhörlich regnete. Nur außer mir sah das niemand. Niemand konnte verstehen warum ich mich so fühlte, und ich am aller wenigsten.

Als ich kurz davor stand mir etwas anzutun, brachte das letzte Fünkchen Vernunft in mir, mich in eine Klinik. Nach 6 Wochen konnte ich diese wieder verlassen, meine Depression jedoch verließ mich noch nicht. Es dauerte 1 1/2 weitere Jahre, bis es mir und meinen Psychiatern gelang mich Medikamentös endlich so einzustellen, dass langsam eine Besserung eintrat. Ich besuchte noch zweimal eine psychiatrische Klinik, wieder für mehrere Wochen. Auch wenn der Lebenswille in mir wieder geweckt war, fiel es mir doch schwer einen Sinn zu finden der mich jeden Morgen aufstehen lässt. Viele Therapiestunden vergingen, ehe ich wieder lachen konnte. Nach meinem dritten und letzten Aufenthalt, dauerte es jedoch nochmal ein Jahr, ehe ich wieder wirklich im Leben ankam. Ich begann raus zu gehen, Freundschaften zu finden, und konnte langsam all die Dinge erleben, die mir die letzten Jahre durch die Depression verwehrt wurden. Und dann kam das Glück mit der Tür ins Haus gefallen, ich war nicht wieder vollständig kuriert, als ich meinen heutigen Mann kennen lernte, es war Liebe auf den ersten Blick. Trotzdem brauchten wir noch ein Jahr ehe wir zusammen kamen. Aber dann Knall auf Fall. Wir Verlobten uns sofort, wurden (überraschend) schwanger, und hier sitze ich nun. 4 Jahre später, mit 2 Kindern, einem wundervollen liebenden Ehemann, aber noch viel wichtiger: ich liebe mich. Ich akzeptiere mich, und ich achte mich. Durch die Krankheit und die beiden rasch aufeinander folgenden Kinder, konnte ich bis jetzt weder studieren, noch eine Ausbildung machen. Aber heute, mit fast 30, fühle ich mich stark wie nie zuvor in meinem Leben. Ich bewerbe mich momentan um einen Studienplatz für nächstes Jahr im Winter, singe seit Jahren endlich wieder in einer Band, strecke meine Fühler aus und lebe. Nicht nur hier zuhause, sondern auch in der großen Welt da draußen. Manchmal überkommt mich noch die Erschöpfung, die einfachsten Dinge erscheinen mir unüberwindbar und furchteinflößend, aber ich lasse mich von diesen Tagen nicht mehr unterkriegen. Ich wünschte ich hätte früher schon gewusst, dass „alles wird gut“ und „die Zeit heilt alle Wunden“ keine Floskeln, sondern in ihrem Kern so wahr wie auch einfach sind.

Das heißt nicht, dass es nicht schwer ist an diesen Punkt zu kommen. Es ist unfassbar schwierig. Und jedes Mal, wenn mich wieder eine depressive Episode überkommt, ist da diese Angst wieder so tief zu fallen, nie wieder da raus zu kommen. Aber da ist auch Stärke. Ich habe es schon mal geschafft, und was immer auch passieren wird, ich werde es nochmal schaffen. Und notfalls noch ein Mal.

Den Schatten annehmen zu können, ihn zu akzeptieren, und dann weiter ziehen zu lassen, ist eine meiner größten Errungenschaften. Ich nehme Rücksicht auf mich selber, mute mir nur zu was ich auch schaffen kann, sage öfter nein, und lasse mich nicht in den Strudel aus Druck ziehen, den die Gesellschaft uns auferlegt hat.

Auf deinen Wunsch haben wir deinen Namen abgeändert. Du hast dich bei uns beworben und gehst generell sehr offen mit deiner überwundenen Krankheit um. Hast deine ganz persönlichen Gedanken, Erfahrungen und Erlebnisse mit uns geteilt und möchtest so auch vielen Frauen (und Männern) Mut geben und sie inspirieren. Ganz offensichtlich stehst du zu dir und deiner Krankheit. Warum hast du uns aber dennoch gebeten bei der Veröffentlichung deinen Namen abzuändern?  

Lisa*: Obwohl im Laufe eines Jahres ca 5,3 Millionen Menschen in Deutschland an Depressionen erkranken[1], wird diese Krankheit immer noch öfter als persönliche Schwäche angesehen und nicht als Erkrankung. Viele gehen davon aus, dass ein Mensch der einmal psychisch krank war, den Rest seines Lebens labil und gefährdet ist. Das kann, muss aber nicht so sein. Eine vorbelastete Person darf nicht aufgrund ihrer Diagnose benachteiligt werden. Leider sieht das in der Berufswelt aber ganz genau so aus. Ich bewerbe mich grade für einen Studienplatz und einen Job. Die letzten 10 Jahre meines Lebens waren von Nachteilen aufgrund der Erkrankung geprägt, das möchte ich für die Zukunft unbedingt vermeiden. Ich wäre nicht die erste, die einen Job aufgrund ihrer depressiven Vergangenheit nicht bekommt.

Wann war für dich damals klar, dass du an einer Depression erkrankt bist und nicht nur durchhängst oder erschöpft bist?

Lisa*: Das hat lange gedauert. Hätte ich mehr über das Thema gewusst, hätte ich es vielleicht schon früher erkannt. Leider musste es bis zum Äußersten kommen. Erst als ich morgens vor der Arbeit heulend vor der Tür stand, und einfach nicht raus gehen konnte, wusste ich, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt.

Hast du dich damals jemanden anvertraut?

Lisa*: Ja, meinem Hausarzt. Er hat mich an eine sehr gute Psychologin verwiesen, die mich lange begleitet hat. Meine Mutter und mein Partner wussten ebenso davon, später auch meine Freunde. Viele Freundschaften haben sich in der Zeit aufgelöst, andere wurden dadurch fester. Ich habe meine besten Freundinnen jeweils am Tiefpunkt in einer Psychiatrischen Klinik kennengelernt. Das lag vermutlich auch daran, dass niemand diese Gefühle so gut verstehen kann, wie jene, die sie erlebt haben.

Viele Menschen haben leider auch heute noch Vorurteile gegenüber psychischen Krankheiten und das, obwohl die Zahl der Betroffenen immer stärker steigt. Wie kann man das deiner Meinung nach ändern?

Lisa*: Wir brauchen mehr Aufklärung. Mehr Menschen, die sich trauen offen über das Thema zu sprechen. Es ist sehr interessant zu sehen was passiert, wenn man offen zugibt Krank zu sein. Urplötzlich kommen aus allen möglichen Ecken Stimmen von Bekannten, Nachbarn, Kollegen, die selber oder in ihren Familie Erfahrungen mit psychischen Krankheiten machen mussten. Es sind viel mehr Menschen betroffen, als uns klar ist. Und das Verständnis war bis jetzt immer groß. In persönlichen Beziehungen hatte ich bis heute noch nie mit Vorurteilen zu kämpfen.

Wenn mir an einem Familienmitglied oder einem Freund auffällt, dass er oder sie sich stark verändert, hast du einen Tipp, wie man sich verhalten sollte?

Lisa*: Sprich ihn unbedingt darauf an. Aber einfühlsam. Niemand holt sich Hilfe, weil er dazu gezwungen wurde. Man muss selber an den Punkt gelangen, zu realisieren dass es so nicht weiter gehen kann. Bis dahin ist es aber toll jemanden an seiner Seite zu haben, der Verständnis zeigt, Hilfe anbietet oder einfach nur zuhört. Sozialer Rückzug ist leider ein ganz großes Problem bei depressiven Menschen. Das beste was du da machen kannst, ist demjenigen zu zeigen, dass du nicht böse bist wenn er sich wochenlang zurück zieht, sich vielleicht Monate kaum melden kann.

Hättest du dir für dich gewünscht, dass jemand auf dich zugekommen wäre?

Lisa*: Ich glaube schon. Vielleicht hätte ich dadurch früher realisiert, dass etwas nicht in Ordnung ist und ich mit diesen Gefühlen nicht leben muss.

„Alles wird gut“ und „Die Zeit heilt alle Wunden“ sind für dich keine Floskeln. Gab es ein Schlüsselerlebnis, dass du zu dieser Erkenntnis gekommen bist?

Lisa*: 10 Jahre Depressionen waren der Schlüssel. Tatsächlich ist das eine Erkenntnis, die nur die Zeit mit sich bringt. Sicher hat mir das schon früher jemand gesagt, aber mit diesen Sätzen ist es wie mit so vielem im Leben, es braucht Zeit und Erfahrung um sie als Wahr anzuerkennen.

Du sagst, du liebst, akzeptierst und achtest dich. Wie hast du das geschafft?

Lisa*: In dem ich mir selber mit Achtung begegne und mich nicht schlecht mache. Ich bin weder dumm, noch faul, noch schwach. Ich hatte eine Krankheit und habe sie als das akzeptiert was sie eben ist. Es ist sehr nahe liegend die Schuld bei sich selber zu suchen, aber am Ende sind Depressionen eine Stoffwechselstörung im Gehirn. Dafür kann niemand etwas. Wofür ich aber etwas kann, ist das Gesund sein. Das war harte Arbeit und ich war mehr als einmal kurz davor aufzugeben. Das hätte dann im Tod geendet, wie zum Beispiel bei den ca 10.000 anderen erkrankten Menschen 2015[2].

Das sind übrigens mehr als an Drogen, Verkehrsunfällen, und HIV zusammen verstorben sind (Quelle: Todesursachenstatistik 2015, Statistisches Bundesamt)

Hast du heute auch noch Depressionen? Wie schaffst du es, dich heute nicht mehr von Momenten der Erschöpfung und Furcht unterkriegen zu lassen? 

Lisa*: Nein, nicht mehr ansatzweise so wie früher. Aber ich kenne sogenannte kurze depressive Episoden. Da ich heute weiß wie sich das anfühlt, und dass es nicht für immer ist, kann ich es relativ gut aussitzen. Mein Mann macht dann mehr im Haushalt, ich parke mich und die Kinder etwas öfter vor dem Fernseher, und vor allem: Ich lasse ab von überhöhten Erwartungen an mich. Dann gibt es eben mal etwas mehr Tiefkühlpizza, und etwas weniger frisch Gekochtes. Das wichtigste: Ich mache mich nicht fertig deswegen. Natürlich ist dieser Zustand dann alles andere als ideal, aber mich selbst zu zerfleischen bringt gar nichts. Alles was ich tun kann, ist Schadensbegrenzung betreiben, abwarten, und gütig mit mir selber sein. Übrigens hatte ich kurz nach unserem Fotoshooting eine depressive Episode von 2-3 Wochen. Das war aber auch relativ unklug von mir geplant. Ich war das Wochenende davor mit einer Freundin in Berlin, das Wochenende danach habe ich ein intensives Probenwochenende mit meiner Band gehabt, unter der Woche rotiere ich von morgens bis abends mit zwei kleinen Kindern zuhause. Aber auch daraus habe ich wieder etwas gelernt. Weniger Termine hintereinander, mehr Auszeiten. Eigentlich weiß ich das ja. Aber ab und an vergesse ich es, und dann kommt eben die Retourkutsche.

Was würdest du jemanden raten, der befürchtet an Depressionen zu leiden, dies aber noch nicht durch einen Arzt hat bestätigen lassen?

Lisa*: Geh zum Arzt! Und hab keine Angst. Du bist nicht schwach. Hilfe in Anspruch zu nehmen ist ein Zeichen von Stärke. Alleine kannst du es nicht schaffen, und es wird eher schlimmer als besser. Viele denken sie würden übertreiben, so schlimm wie es sich für mich anfühlt kann es doch gar nicht sein. Wenn ich mich nur etwas mehr zusammenreiße, dann geht das schon. Falsch! Zusammenreißen bringt gar nichts. Das macht es nur schwieriger. Dein Hausarzt kann dir schon weiterhelfen, oder er überweist dich an einen Psychologen oder Psychiater weiter. Mein Beispiel ist auch ein Härtefall, bei vielen geht die medikamentöse Einstellung viel schneller, und es kann gut sein, dass nach wenigen Wochen und Monaten die Welt schon wieder ganz anders aussieht.

Liebe Lisa*, vielen Dank für deinen Mut und deine Stärke diese intimen und nicht einfachen Gedanken mit uns zu teilen. Du inspirierst uns! Und wir hoffen, dass wir Betroffenen so etwas von ihrer Angst nehmen können offener dazu zu stehen.

*Name von der Redaktion abgeändert

Ab dem 6. Februar findet ihr jeden Donnerstag um 12 Uhr eine neue inspirirerende und berührende Geschichte hier auf dem Blog.


[1] Laut Stiftung Deutsche Depressionshilfe https://www.aok-bv.de/imperia/md/aokbv/presse/pressemitteilungen/archiv/2018/07_faktenblatt_depressionen.pdf

[2] Siehe Fußnote 1


Ein Kommentar zu “Depression ist wie ein Schatten – Lisa* HER STORY

  1. Hi,
    schön das du deine Depressionen besiegt hast und ein glückliches Leben führst.

    Grüße
    Christian

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