Ich schäme mich nicht – Anica HER STORY

AVON gegen häsuliche Gewalt - HER STORY Anica
Anica erfuhr schreckliche Misshandlungen als Opfer häuslicher Gewalt. Sie konnte sich aus dieser grausamen Situation retten und gewann ihre Stärke und Selbstvertrauen zurück.

Anica ist eine wahre Inspiration und eine so unfassbar starke Frau. Ihre Geschichte & ihre klare Botschaft „Ich schäme mich nicht!“, wird euch sicherlich emotional berühren. Es ist grausam, dass so viele Frauen Ähnliches erleben müssen. Der Kampf gegen häusliche Gewalt ist keine Privatangelegenheit! Wir bewundern ihren Mut und sie ist ein wahres Vorbild. Wir haben heute kein HER STORY Interview für euch, sondern hier könnt ihr Anicas Gastbeitrag mit ihren ganz persönlichen Gedanken lesen:

Anica: Wenn man an häusliche Gewalt denkt, denken die meisten direkt an das Gesicht einer Frau mit einem blauen Auge. Das blaue Auge ist ein Mahnmal häuslicher Gewalt geworden. Es steht sinnbildhaft für das, was zwischen zwei Menschen aus dem Ruder gelaufen ist, und im Stillen geschieht. Aber häusliche Gewalt beginnt nicht mit einem blauen Auge und oftmals endet sie auch nicht mit diesem. Laut einem Bericht der UNO werden durchschnittlich 137 Frauen pro Tag von ihrem Partner oder einem Familienmitglied getötet.

Häusliche Gewalt ist gefährlich, sie kostet im schlimmsten Fall Menschenleben und sie ist keine Privatangelegenheit, nur weil sie hinter verschlossenen Türen stattfindet.

Sie gehört in den öffentlichen Diskurs. Ich möchte mit meiner Geschichte Frauen dazu ermutigen ihre Geschichte zu erzählen, sich zu offenbaren und dann den entscheidenden Schritt zu tun und ihren Peiniger zu verlassen. Ich habe das große Glück gehabt, dass ich mich eines Tages aus der gewalttätigen Beziehung, in der ich lebte, befreien konnte. Doch für das, was mir angetan wurde, habe ich mich anfangs sehr geschämt. Ich habe mich dafür geschämt, dass ich diesen Menschen nicht nur in mein Leben gelassen habe, sondern weitaus schlimmer in mein Herz. Ich habe danach lange an meinem Urteil gezweifelt, wenn ich mich in so jemanden verlieben konnte, durfte ich meinem Urteil dann noch trauen? Es hat fast ein Jahr gedauert bis ich endlich wieder Vertrauen fassen konnte, nicht nur in andere, sondern vor allem wieder in mich selbst. Im Nachhinein erscheint es absurd, was ich bereit war auszuhalten und doch werde ich nie vergessen wie es sich angefühlt hat. Es war zu Beginn des letzten Jahres als ich alleine und nackt vor dem Spiegel stand und mich betrachtete. Über mir brannte das Licht einer fahlen Glühbirne und tauchte die eh schon trostlose Umgebung in eine düstere Tristesse.

Ich fuhr mit den Fingerkuppen über meinen Körper und konnte nicht glauben, dass ich das sein sollte.

Mein Körper war überzogen mit Hämatomen, wirkte ausgezehrt, erschöpft, die dunklen und verweinten Augen, die mir entgegen starrten, konnten unmöglich mir gehören. Obwohl das, was ich sah, real war, erschien es mir doch unwirklich, geradezu absurd. Das konnte nicht mein Leben sein und trotz all der Entfremdung, die ich mir selbst und der Situation gegenüber spürte, nahm ich die Unerbittlichkeit der Realität und Gegenwart, in der ich mich befand, doch wahr. Viele Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, hätten sich am Anfang nicht träumen lassen, dass diese ihnen eines Tages widerfahren würde. So ging es auch mir. Man fühlt sich immun, emanzipiert und lebt in einer gefährlichen Illusion, dass die eigene Charakterstärke einen vor dem bewahren wird, was häusliche Gewalt wirklich ist. Doch man kann sich kaum davor schützen. Es beginnt ganz schleichend und fast unmerklich. Am Anfang überfiel mich stets eine große Ratlosigkeit, wenn mein Partner mich wegen Kleinigkeiten anschrie oder mich abfällig behandelte. Ich begriff nicht was vor sich ging und noch viel weniger verstand ich warum ich nicht an ihn heran kam. Er verdrehte sämtliche von mir vorgebrachte Argumente und legte mir Dinge in den Mund, die ich nicht gesagt hatte und am Ende fühlte ich mich schuldig. Er diskutierte mit einer solchen Vehemenz und Ausdauer gegen das an, was ich sagte, dass ich am Ende der Diskussionen meistens völlig erschöpft und ausgelaugt war. Anstatt mit mir nach einer Lösung für ein jeweiliges Problem zu suchen, suchte er Probleme und fand dafür oftmals die absurdesten Gründe. Er attackierte mich zunächst nur verbal. Irgendwann kam er mir, wenn er merkte, dass er mit seiner Argumentation nicht mehr weiter kam, immer näher. Zu diesem Zeitpunkt schlug er mich nicht, aber er machte mir doch die Überlegenheit seiner Körperlichkeit deutlich und wie so oft blieb ich nach solchen Auseinandersetzungen eingeschüchtert und mit einem Gefühl von Ratlosigkeit zurück.

Wie hatte sich der Mensch, den man am Anfang zu kennen geglaubt hatte, nur so verändern können?

Wie viele Beziehungen, die mit Gewalt enden, begann auch meine damalige Beziehung nicht etwa mit Schlägen, sondern mit einer großen und tiefen Sehnsucht nach Romantik und einem Gefühl von Zugehörigkeit. Damals hätte ich mir nicht vorstellen können, dass der Mensch, der mir am Anfang so liebevoll erschien, dass dieser Mensch mich eines Tages bespucken, schlagen und misshandeln würde. Wenn man dann in der Situation ist, fällt es unendlich schwer zu verstehen und zu begreifen, dass der Mensch, der einen zu lieben vorgibt dass dieser Mensch einen so sehr abwertet und dass nichts, was man tut, noch gut genug sein wird. Die Anfangszeit wird zu einem glorifizierten Sinnbild wie die Gegenwart sein könnte. Schließlich war es einmal so und was einmal so war, kann doch auch wieder so sein. Mit dieser stetigen, verzweifelten Hoffnung auf Besserung, zermürbt man sich schlussendlich immer weiter selbst. Man kämpft weiter, man hofft weiter und irgendwann hat man sich soweit erniedrigen lassen, so weit von sich selbst und allem anderen entfernt, dass man wirklich beginnt zu glauben, man müsse sich selbst nur ändern und bessern, dann werde sich alles wieder zum Guten wenden. Auf Gefühle der Einsamkeit, auf das verzweifelte Suchen und dem Ringen nach Liebe folgen immer weitere Schläge, immer neue Erniedrigungen und anstatt, dass die Gewalt weniger wird, wird sie immer intensiver. Die Verhältnismäßigkeit bezüglich dem was zwischen zwei Menschen passiert darf, verschiebt sich immer weiter und es ist schwierig sich gegen jemanden zu wehren, den man beschützen will.

Es bedarf eines langen Prozesses bis man erkennt, dass man selbst die zu schützende Person ist, dass man sich vor dem Schützen muss, was man liebt oder glaubt zu lieben, da man ansonsten zugrunde geht.

Es war an Silvester da war seine Wut nicht zum ersten Mal eskaliert, aber zum ersten Mal so, dass von meiner Lippe Blut tropfte. Ich habe meinen Anblick nur kurz im Spiegel des Schlafzimmers erhaschen können und dieser eine kurze Blick ließ mich völlig versteinern. Während mein damaliger Partner mich angegriffen hatte, spürte ich die Wucht seiner Misshandlungen nicht immer gleich sofort. Der Körper schüttet so viel Adrenalin aus, man ist so verängstigt, dass man zunächst nicht begreift und auch nicht fühlt, was passiert. Als ich jedoch das Blut auf meinem Gesicht wahrnahm, drang die Gefahr, in der ich mich befand unmittelbar und ohne Verzögerung in mein Bewusstsein ein. Doch noch viel mehr als das Blut auf meinen Lippen ängstigte mich das Verhalten meines Partners. Anstatt sich aufgrund meines Anblicks zu erschrecken und sich zu entschuldigen schrie er immer weiter auf mich ein. Erst am nächsten Tag kam er zu mir und entschuldigte sich. Und alles, was ich fühlen konnte, war Taubheit, ich lag den ganzen Tag völlig benommen auf meinem Bett und verstand nicht was geschehen war. Mein Partner entschuldigte sich zwar bei mir, doch gab er mir zu verstehen, dass ich Schuld an dem, was er mir angetan, hatte. Da ich mit fast niemanden über das sprach, was mir angetan wurde, verschob sich meine Realität immer mehr. Im Grunde wusste ich, dass das, was mir angetan wurde, falsch war, aber mein Partner spielte seine Handlungen herab und das berühmte blaue Auge hatte ich nicht.

War ich also ein Opfer von häuslicher Gewalt oder war mein Partner vielleicht nur schwierig?

Das Schweigen macht Gewalt nicht nur zu einem hässlichen Geheimnis zwischen Opfer und Täter, sie isoliert die Opfer auch. Es gibt eine berühmte philosophische Frage, die sich mit der Frage beschäftigt, ob ein umstürzender Baum ohne einen Empfänger ein Geräusch macht oder nicht. Ein Opfer, das keine Hilfe sucht, das sich nicht offenbart, existiert rechtlich nicht, und wo es kein Opfer gibt, gibt es auch keinen Täter. Die Wahrheitsfindung gestaltet sich oftmals schwierig, weil um die Misshandlungen und die Schläge der Mantel des Schweigens gehüllt wurde und häusliche Gewalt fast ausschließlich dann stattfindet, wenn man zu zweit ist. Daher gibt es fast nie Zeugen. Deshalb ist es so wichtig, zu benennen und zu erzählen, was zwischen zwei Menschen geschieht. Lange Zeit wollte ich nicht zugeben, dass ich ein Opfer häuslicher Gewalt war. Er war einfach schwierig, aufbrausend, aber er meinte es sicher nicht so. Erst als ich zum ersten Mal einer Freundin vertraute, konnte ich die Lügen, die ich mir erzählte, nicht mehr glauben. Er war nicht schwierig, er war gewalttätig. Manchmal sehen wir uns nur mit den Augen eines anderen, und manchmal ist es diese Perspektive, die uns rettet. Als ich schlussendlich ging, besaß ich fast nichts mehr. Ich verlor mein Zuhause, meinen Glauben und meine Ersparnisse. Aber ich gewann etwas zurück, was ich schon längst verloren geglaubt hatte, meine eigene Stärke und mein Selbstvertrauen. Heute bin ich glücklich, ich habe die Freunde am Leben wiedergefunden, die schrecklichen Erfahrungen, die ich gemacht habe, gehören meiner Vergangenheit an, nicht meiner Gegenwart, nicht meiner Zukunft und dafür bin ich zutiefst dankbar.

Anica Eigner HER STORY AVON Ich schäme mich nicht

HILFE FÜR BETROFFENE UND ANGEHÖRIGE

Jeden dritten Tag wird – allein in Deutschland – eine Frau von ihrem Partner getötet. Zuhause ist somit für viele leider kein sicherer Ort. Das müssen wir ändern! Als „das Unternehmen für Frauen“ liegt uns deren Wohlergehen besonders am Herzen. Der Kampf gegen häusliche Gewalt ist daher seit 2004 fester Bestandteil unseres sozialen Engagements. AVON Deutschland unterstützt vor allem UN Women Nationales Komitee Deutschland e.V. bei ihrer wichtigen Arbeit, damit mehr Präventions- und Hilfsangebote geschaffen werden und Frauen in Sicherheit leben können. Unsere Boschaft lautet von ganzem Herzen: Du bist nicht allein!

Häusliche Gewalt ist keine Privatangelegenheit! Das Hilfetelfon „Gewalt gegen Frauen“ ist ein bundesweites Beratungsangebot für Frauen, die Gewalt erlebt haben oder noch erleben. Unter der Nummer 📞 08000 116 016 📞 und via Online-Beratung unterstützen sie Betroffene 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr. Auch Angehörige, Freundinnen und Freunde sowie Fachkräfte beraten sie anonym und kostenfrei.


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